Kotwasser – ein Symptom, keine Krankheit an sich
Ein schöner Freitagmittag im Sommer, kurz vor den Ferien. Ich steuere den beschaulichen und ruhigen Ponyclub an, um vor dem Wochenende sicherzustellen, dass mein Hufrehepony gut versorgt ist. Upps, heute ist hier helle Aufregung, jede Menge Autos und Mütter, überall wuseln Kinder in stilechtem Reitequipment herum. Stimmt, deswegen sollte ich ja bis spätestens 14.00 Uhr durch sein – heute ist hier großes Hofturnier für die Kleinen angesagt! Überall werden Pferde hübsch gemacht, gewaschen, eingeflochten, gesattelt. Im Stallgang neben mir ist ein Schimmelchen angebunden, glänzend sauber geputzt, und bekommt gerade die Hinterhufe aufpoliert. „Oh pfui, musst Du gerade jetzt äppeln?“ schimpft ein Stimmchen. Es plätschert. Nach einem kurzen Moment tiefen entrüsteten Einatmens ein Aufschrei und danach viele Tränen. Der Schimmel hat jetzt einen triefenden, trübselig nach unten baumelnden Schweif, grün-braune Hinterbeine und nicht nur der Putzkasten, nein, leider auch die strahlend weiße Reithose ist gesprenkelt mit übelriechender Brühe. Fliegen umkreisen die Szene, während der Schimmel verwundert guckt, was da los ist. Kotwasser! 
Definition:
Viele Pferdebesitzer kennen das Problem. Und ein nicht nur lästiges Problem ist es wirklich. Direkt vor oder nach dem oft völlig normalen Kotabsatz spritzt meist völlig schmerzfrei eine wässrige, stinkende Flüssigkeit aus dem After und verunreinigt Tier und Umgebung. Sommers wie winters ist man gezwungen, Hinterbeine und Schweif abzuwaschen, um Fliegen und Gestank zu eliminieren und vor Hautreizungen an den Hinterbeinen zu schützen. Sehr aufwendig und oft wenig effektiv.
Es handelt sich bei Kotwasser NICHT um Durchfall!!!! Der eigentliche Kot ist normal geformt.
Es ist keine eigenständige Erkrankung, sondern ein Symptom mit vielen verschiedenen Ursachen.
Es ist nicht nur lästig, sondern kann im Extremfall zu unangenehmen Hautreizungen, Elektrolytverlusten und sogar zu Dehydratation (Austrocknung) führen.
Ursachen:
- Diverse echte Erkrankungen wie Cushing, Herz-Kreislaufschwäche, Magen- und Darmschleimhautentzündung und auch Hormonumstellung können Kotwasser zur Folge haben.
- Oft ist der Hauptgrund aber ein Futterproblem: plötzliche Futterumstellung, minderwertiges Heu, ungewohnte Silage, zu viel oder falsche Mineralfuttergabe wären hier aufzuführen.
- Stress und psychische Belastung durch zum Beispiel Stallwechsel, Turnieraufregung, Rangordnungskämpfe führen gerade beim eher introvertiert aufgeregtem Pferd zu erhöhter Magensäurebelastung und als Folge zu Kotwasser.
- Sand im Darm durch Sand- und Erdaufnahme im Paddock, auf der leergegrasten Koppel oder in der Halle führen zur mechanischen Schädigung („Abschmirgelung“) der Becherzellen im Darm, die für die Wasserrücknahme aus dem Darmbrei zuständig sind.
- Auch Medikamente wie Antibiotika oder Wurmkuren können nach 2-3 Tagen solch unerwünschte unangenehme Folgen haben.
- Durch unzureichende Zerkleinerung der Futterbestandteile in der Maulhöhle bedingt durch Zahnprobleme oder altersermüdeter Kaumuskulatur werden später im Darm wiederum die Becherzellen behindert, ihren Job sachgemäß auszuführen.
- Daneben gibt es noch andere unspezifische Gründe, die wir als Besitzer beeinflussen können wie Bewegungsmangel und Parasiten (Würmer – regelmäßige Entwurmung/Kontrolle hilft)
Behandlung/Vorbeugung:
Leider ist es ein Geduldspiel, sich an den Auslöser heranzutasten und eine Besserung zu erleben. Es kann 4-6 Wochen dauern, bevor ein sichtbarer Erfolg eintritt.
- Sehr wichtig ist es, gleich zu Beginn durch den TIERARZT „echte“ Erkrankungen auszuschließen. Hierzu gehört dringend eine Blutuntersuchung, um Entzündungen im Darmtrakt, Über- oder Unterversorgungen mit Mineralstoffen, hormonelle Umstellungen, Organschäden und einen eventuellen Parasitenbefall ausschließen zu können. Letzteres ist auch möglich über eine Kotprobe mit Sammelkot über drei Tage. Über eine Kotprobe könnte man zudem bei der Verfütterung von minderwertigem Heu eine Belastung der Darmflora durch Pilze und Bakterien gegebenenfalls ausschließen. Außerdem ist eine Kontrolle der Maulhöhle/Zähne
Hinweise auf ein ernstes Problem wären neben dem Kotwasser Schmerzen, Fieber, Abmagerung, Kolik, Aufgasung, stumpfes Fell, angelaufene Beine, Müdigkeit, mangelnde Rittigkeit, weiche Hufe, Aggressivität.
- Fütterung: natürlich ganz wichtig und vorrangig ist die Fütterung von gutem Heu, keine Silage, wenn möglich öfter am Tag. Genügend frisches Trinkwasser. Und eine Reduktion von Zucker und Stärke, das heißt weniger Karotten, Kraftfutter und „süßes“ Heu.
- Stressverminderung: Gar nicht so einfach. Regelmäßige Fütterungszeiten, Routinemaßnahmen, das Tier an neue Sachen und Umstellungen rechtzeitig gewöhnen. Ich empfehle gerne bei auffällig-stressanfälligen Tieren Equiliser mit Magnesium, Tryptophan und B-Vitaminen als Vorbeugemaßnahme. Achtung 48 Stunden Karenzzeit vor Turnieren!
- Bewegung: Essentiell ist regelmäßige stressfreie Bewegung zur Durchblutungsförderung des Darms.
- Flohsamenschalen: Mein Steckenpferd! Bevor ich irgendwelche Zusatzfutter füttere, rate ich dazu, den Darm erst einmal zu säubern. Hier eignen sich gerade bei Kotwasserpferden die Flohsamenschalen in einer Dosierung von 5g/100 kg Körpergewicht. Sehr wichtig ist das korrekte Einweichen mit der 5 – 10fachen Wassermenge und die Aufquellzeit von mindestens 30 Minuten, um eine Schlundverstopfung zu vermeiden. Anzuraten ist das Aufteilen der Menge auf mehrere Rationen am Tag, gut gemischt in die Kraftfutter- oder Mashration. Und das über 5 – 7 Tage. Sehr wichtig ist auch der freie Zugang zu frischem Trinkwasser während der Behandlung. Anhand des „Wasserglastestes“ (etwas Kot in Wasser verrühren, stehen lassen, Sandablagerung am Boden des Gefäßes?) kann man auch schon früher erkennen, ob die Kur bereits erfolgreich war.
- Flohsamen: Flohsamen an sich oder auch Leinsamen eignen sich in Folge auch dazu, einen Schutzfilm über Magen- und Darmschleimhaut zu produzieren. Allerdings ist hier zu bedenken, dass sie einen hohen Protein– und Fettgehalt haben. Das sollte bei der Kraftfuttergabe berücksichtigt werden. Flohsamen müssen, im Gegensatz zu Flohsamenschalen, nicht eingeweicht werden. Man kann bis zu 15 g/100 kg Körpergewicht verabreichen. Eine Dauergabe ist laut Buch möglich, allerdings habe ich das noch nie getestet.
- Probiotika: Die Darmflora bedarf auf jeden Fall einer Sanierung. Neben meiner altbewährten Joghurt-Bakterien/Öl/Grafschafter-Goldsaft-Kur gibt es zahlreiche Produkte mit Prä-, Pro-, und Postbiotika auf dem Markt. In meiner Praxis bewährt hat sich das Profix-Bind.
- Darmhelfer: Zistrose (Cystus): soll gut entzündungshemmend wirken bei akutem Kotwasser.
Kräuter: Kamille, Fenchel, Pfefferminze, Thymian, Oregano – all diesen Kräutern schreibt man helfende Wirkung zu. Achtung Doping!
NIEMALS:
- Weniger trinken lassen!!!!!!!!!
- Stopfende Medikamente füttern!!!!!!
- Radikale Futterumstellung!!!!!!!
In meinem Ponystall hat sich die Aufregung zum Glück schnell gelegt. Eine frische Reithose wurde von einer Freundin im Handumdrehen organisiert (Mütter mit reitenden Töchtern sind einfach bestens ausgerüstet für ALLE Fälle!), das „arme“ Pony kurz vor seinem Start nochmal gründlich abgeduscht. Und in der darauffolgenden Woche durchgecheckt. War höchstwahrscheinlich nur der Stress! Durch Gabe von Tryptophan eine Woche vor der nächsten Aufregung über 2-3 Tage ist dieses Problem hier tatsächlich ausnahmsweise sehr leicht in den Griff zu kriegen gewesen.



