Die Kolik / Teil 1
Ich liebe meinen Beruf, bin fasziniert von der Bandbreite der alltäglichen Aufgaben, der Spannung, der Aufrichtigkeit der Tiere, dem von ihnen entgegengebrachten Vertrauen. Es ist herrlich, durch die Landschaft von Stall zu Stall, von Aufgabe zu Aufgabe zu fahren und morgens nicht zu wissen, mit was man über den Tag hinweg konfrontiert wird. Nebenbei erlebt man so herrlich die Jahreszeiten und jegliche Wetterkapriolen zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten.
So wie auch heute: es ist Nachmittag, sehr schwül, es riecht nach Regen und die Mücken sowie die Pferdebesitzer sind gereizt. In meinem Auto wimmelt es von Fliegen, die an einem genetischen Austausch mit Artgenossen im nächsten Stall interessiert sind. Ich sehne mich nach einem kühlen Bad, Schatten. Kurz gesagt: Allerbestes Kolikwetter!
Prompt klingelt auch schon das Telefon. Zum Glück wenigstens nicht am anderen Ende meines Praxisbereiches, sondern in einem schönen Offenstall an einem Bach (klingt so erfrischend!) wartet mein gebeutelter Patient auf rasche Hilfe. Und vielleicht auch ein kühlendes Getränk für mich?
Der Wallach ist extrem unruhig, will sich hinwerfen, schwitzt, kratzt mit den Vorderhufen, lauscht immer wieder nach innen. Der Besitzer schwitzt ebenfalls und ist hocherfreut, mich so schnell zu sehen. Bei der raschen Routineuntersuchung fällt ein fliegender Puls- und Herzschlag von fast 100/Minute auf – normal wären bei der Temperatur etwa 38 Schläge pro Minute. Die Atmung ist heftig und schnell, ein sicheres Zeichen für starke Schmerzen. Hochrote Schleimhäute in der Maulhöhle weisen auf einen beginnenden Schockzustand hin. Der Dünndarm ist verdächtig ruhig, vom Blinddarm hört man ein hohles leises Dauergeplätschere statt des erwünschten regelmäßigen klospülähnlichen Einspritzgeräusches.
Da der Gute zu unruhig ist und zu starke Schmerzen hat, um direkt rektal zu untersuchen, verabreiche ich zunächst Buscopan und Finadyne. Und schon knapp zwei Minuten später wirkt er bei weitem nicht mehr so gequält, entspannt sich etwas und steht vor allem ruhiger. Ich liebe diese unmittelbar einsetzende Wirkung von Buscopan!
So, großen Handschuh übergestülpt, etwas Öl, und dann gucke ich mal von innen, was im Bauchraum so arg schmerzen könnte. Schon beim Einschieben meiner Hand ins Rektum kommt viel Gas entgegen. Zum Glück sind keine Dünndarmschlingen unmittelbar zu erstasten. Dafür wölbt sich rechts groß und mächtig der Blinddarm vor, die Bandnähte (wie Doppelnähte bei der Jeans) straff gespannt wie Gitarrensaiten, der Darmsack prall gefüllt mit Gas. Eine sanfte Massage bringt spürbar weitere Erleichterung. Soweit ich mit meinem Arm ertasten kann, ist der Rest unauffällig. Also raus und nochmal Kontrolle des Herzschlages: Sehr gut, nur noch 60 Schläge pro Minute.
Dann mal los. Nun darf der Besitzer erst einmal mit ihm laufen. Wirklich laufen, mit Schwung und Elan. Aber nicht rennen. Für ein kühles Wasser aus dem Getränkeautomaten gehe ich zum Demonstrieren sogar die erste Runde mit dem Pferd. Förderlich ist es, wenn ein Berg/Hügel mit in den Rundgang aufgenommen werden kann und vielleicht ein bisschen spannendes Umfeld. Denn das Buscopan hat den Darmkrampf gelöst. Ziel ist es nun, das Gas möglichst schnell nach außen zu kriegen und da hilft neben der Peristaltik (Eigenbewegung des Darms) auch die Anspannung der Bauchmuskulatur beim Laufen und sogar die Schwerkraft beim bergauf/bergab Gehen und auch mal Stehen. Nur bitte nicht wälzen lassen!!! Klar gibt es Kandidaten, die dadurch besser werden. Aber leider auch welche, denen danach nur eine unmittelbare OP das Leben retten kann, wenn sich der Gasballon „Blinddarm“ verdreht. Und wer hat schon den Stall direkt neben der Klinik?
Die Wirkung der Medikamente hält in etwa zwei Stunden an. So lange darf der Wallach auf keinen Fall etwas fressen. Trinken darf er. Und er sollte immer wieder laufen. Nicht durchgehend, denn im besten Fall lässt er in seiner Box Urin ab und gibt so dem Darm mehr Platz.
Nach zwei Stunden, in denen er glücklicherweise unauffällig blieb, durfte er etwas Heu bekommen. Auch dieses vertrug er ohne erneute Probleme. Einer weiteren Anfütterung stand damit zum Glück nichts mehr im Wege.
Definition:
Kolik im Allgemeinen bedeutet, dass das Tier einen schmerzhaften Prozess im Bauchraum erleidet. Daran schuld kann natürlich der ungeheuer lange Darm (25 – 39 m) sein, daneben aber auch mal die Leber, eine der Nieren, die Blase mit Blasensteinen, bei Stuten die Eierstöcke, … . Eine Kolik kann einfach als tatsächliches Problem im Bauchraum, aber auch als Folge stressiger Situationen oder anderer schmerzhafter Krankheiten auftreten. Ein sehr weitgestecktes Feld also.
In der Pferdepraxis werden wir am häufigsten mit Darmkoliken konfrontiert. Auch hier gibt es wiederum die unterschiedlichsten Auslöser. Viele Koliken sind allerdings hausgemacht, weil zu oft bei Haltung und Fütterung vernachlässigt wird, dass das Pferd ein Fluchttier mit kleinem Magen ist und ausreichend Bewegung und Rauhfutter braucht.
Mit Abstand die häufigste Art von Kolik in meiner Fahrpraxis ist der hier beschriebene „Meteorismus“: eine Aufgaskolik hauptsächlich des Blinddarms vergesellschaftet mit “niedrigem“ Kreislauf („Kreislaufkolik“, „Gaskolik“, „Krampfkolik“). Oft spielt schwüles Wetter eine Rolle dabei, die Graskoppel mit frischem Gras voll Tau oder tatsächlich auch mal unsachgemäßes Eindecken der Pferde bei zu hoher Außentemperatur. Der Blutdruck fällt ab, der Kreislauf sinkt in den Keller. Dadurch wird nebenbei auch die Durchblutung des Darms und als Folge die Peristaltik (Darmeigenbewegung) reduziert. Die Darmbakterien im Blinddarm, die für die Grünfutterverwertung zuständig sind, arbeiten allerdings fleißig weiter und produzieren als Nebenprodukt auch unentwegt viel Gas. Da dieses dank des trägen Darms nicht korrekt weitertransportiert wird, sammelt es sich in der großen Kuppel des Blinddarms und führt zu einer schmerzhaften Überdehnung der Darmwand. Als Schutz reagiert der Körper daraufhin mit Krämpfen. Nix geht mehr. Eine Kolik.
Therapie:
Besser ist es definitiv, SOFORT den Tierarzt zu rufen!
Was nie schadet ist Colosan. Es entkrampft schon etwas und, gepaart mit der leichten Bewegung an der Hand, kann es den Schmerz abmildern. Als Hausmittel empfehle ich dazu sehr gerne etwas kalten gesüßten Kaffee oder gut ausgeschüttelte CocaCola in die Maulhöhle des Pferdes, um den Kreislauf anzukurbeln. Gut ist auch etwas Kräuterschnaps mit der Spritze ins Maul. Zumindest ist mit diesem Versorgungsprogramm schon einmal die Zeit überbrückt, bis der Tierarzt da ist.
Dieser wird in der Regel umgehend Buscopan injizieren. Das lindert den Krampf sofort, der Darm kann wieder anfangen zu arbeiten. Durch gezielte Bewegung wird nun sowohl der Kreislauf aktiviert als auch die Darmmotorik angekurbelt. Wälzen wäre mit der großen Gasblase, die die Tendenz zeigt, immer nach oben zu steigen, kontraindiziert, weil es schnell zu einer Verlagerung oder im schlimmsten Fall einer Drehung des Blinddarms kommen könnte. Genauso wenig ist es eine gute Idee, dass Pferd im Galopp an die Longe zu hängen, oder – wie in Spanien passiert – aus dem fahrenden Auto am Strick im Galopp nebenher zu führen! Gezielte Bewegung heißt allerdings auch nicht, im Schneckentempo über den Hof zu bummeln. Ein bisschen ansteckende Energie gekoppelt mit etwas ablenkend Aufregendem ist die beste Therapie!
Kolik bedeutet immer Geduld. Erst zwei Stunden nach der Behandlung kann das Pferd wieder langsam angefüttert werden. Während dieser Zeit sollte es AUF KEINEN FALL FRESSEN und immer wieder einmal geführt werden. Trinken darf es. Und im besten Fall in der Ruhephase Harn ablassen. Und erst, wenn es das erste Anfüttern ohne weitere Probleme überstanden hat, kann man tatsächlich erleichtert aufatmen.
Bewährt hat sich noch ein weiteres Hausmittel, dass ich deshalb sehr gerne weiterempfehle, um die „gute“ Darmflora im Blinddarm wieder zu optimieren: als Zugabe ins Mash die nächsten Tage etwas Probiotika (5 ml echter Joghurt zum Beispiel), ein Esslöffel Zuckerrübensirup (Grafschafter Goldsaft zum Beispiel) und 30 – 100 ml Öl (je nach Gewöhnung; Leinöl oder auch Olivenöl).
Fazit:
Das Positive ist, dass bei dieser Art der Kolik zwar die Schmerzäußerungen des Tieres sehr spontan, heftig und erschreckend ausfallen können, man aber spätestens nach der Buscopan-Injektion eine sofortige Besserung sieht.



