Pferdekrankheiten einfach umschrieben: Schlundverstopfung beim Pferd
„Sie müssen ganz schnell kommen, mein Pferd würgt wie verrückt und verliert Unmengen von Wasser aus Maul und Nüstern! Es geht ihm richtig schlecht!!!“
Also, ab ins Auto und los. Im Stall erwartet mich eine aufgelöste Kundin und ein „kotzendes“ Pferd: Langgestreckter Körper, tiefer Kopf, eine von Husten- und Würgereizen gequälte schwitzende und schwer atmende Kreatur. Der Boden sowie die Wände und zum Teil auch die Besitzerin pitschnass und voll Futterbrei. Und schon wieder kommt aus Nüstern und Maul schwallartig die nächste Ladung von Speichelmassen verquirlt mit halb aufgelösten Maiscobs. Auf der linken Halsseite sieht man eine leichte Schwellung. Die Diagnose ist eindeutig. Eine Schlundverstopfung durch zu wenig oder vielleicht gar nicht vorgeweichte Futtercobs. Jetzt muss schnell gehandelt werden.
Der Stallbesitzer organisiert netterweise zwei Eimer, einen leeren und einen mit körperwarmem Wasser gefüllten. Währenddessen gelingt es mir in einer
Würgepause die Stute etwas zu sedieren. Ruhiger geworden bleibt der Kopf unten und die Verstopfungsmasse fließt zumindest schon einmal nicht mehr Richtung Lunge, sondern ordentlich durch Maul und Nüstern nach außen ab. Nun ist es auch überhaupt kein Problem mehr Buscopan zur Entspannung der glatten Muskulatur des Schlundes zu injizieren. Und ich beginne mit der eigentlichen Arbeit. Ein Schlauch muss, auf der einen Seite von mir zum Weg-freiblasen im Mund steckend, mit dem anderen Ende durch die Nüster hinein. Es geht weiter vorbei an der durch die Futterbreimischung vorgereizten zarten Nasenschleimhaut, dann durch den verzwickten Kehlkopf: hier muss er keinesfalls in die wegen der Angst und Atemnot weit geöffnete Luftröhre, sondern aktiv vom Pferd abgeschluckt in die eh schon verstopfte Speiseröhre. Erfreulicherweise ist die Muskulatur des Schlundes durch die Medikamente bereits lockerer. Kaum nähert sich das innere Ende dem Hindernis, schon schießt durch die Öffnung der Sonde mit Druck eine geballte Ladung Speichelmasse direkt an meinem Kopf vorbei. Zum Glück hatte ich das Endstück nicht mehr im Mund. Dafür ist aber das innere Ende im Nu verstopft. Verflixt. Ich versuche die Sonde freizupusten und fühle mich dabei wie ein Trompetenspieler: roter Kopf, pralle Wangen, volle Kraft. Einmal gelingt es und mehr aufgequollene Cobs rinnen in den leeren Eimer, aber dann geht nichts mehr. Also nochmal von vorn. Die Sonde vorsichtig raus, mit dem Wasserschlauch frei- und sauberspülen und wieder rein damit. Diesmal nicht ganz bis in das Hindernis. Mit einem Trichter wird nun Wasser durch den Schlauch an die Barriere geleitet, immer wieder sanft durchgepustet zum Untermischen und Lockern des Futterbreis und immer wieder durch Ansaugen in den Kübel abgelassen. Solange es einigermaßen dünnflüssig bleibt läuft es schön durch den Schlauch ab.
Letztendlich habe ich eine Stunde zu kämpfen, immer wieder die Sonde neu einzuführen und bin indessen auch gut durchnässt. Dann kommt plötzlich kein Wasser mehr zurück. Ich schiebe zart pustend weiter in die Tiefe, im Brustkorb vorbei am Herz und endlich durch die steil gewinkelte Cardia (Magenöffnung) in den Magen. Ein befreiendes Gluckern erklingt durch den Schlauch, ein befreites Aufatmen der schon lange wieder wachen Stute. Den Rest des Wassers bekommt sie gleich noch direkt in den Magen geleert, dann lasse ich von ihr ab. Sofort will sie wieder ans Futter, das freche Tier!
Eine Schlundverstopfung ist für Pferde immer beängstigend. Je nach Position des Staus zwischen äußerst unangenehm und Überlebensangst. Meist aber kein so dringlicher Notfall wie eine Kolik, dafür für den Besitzer um einiges eindringlicher. „Ein Pferd kann nicht kotzen“. Aus anatomischen Gründen. Aber eine Schlundverstopfung kommt dem äußerlichen Erscheinungsbild sehr nahe.
Woran es liegt:
Ausgelöst wird eine Schlundverstopfung meist durch nicht ordnungsgemäß durch die Zähne zerkleinertes und dabei kräftig eingespeicheltes Futter. Das fängt an bei nicht ordentlich vorgeweichten Cobs, geht weiter bei kleingeschnittenen Möhren und Äpfeln, die einfach geschluckt werden können ohne zu kauen, und endet bei hektischer Futteraufnahme von ganz normalem Müsli oder Heu aus Futterneid oder Stress.
Erschwerend kann hinzukommen, dass das Pferd beim Kauen Schmerzen wegen der Zähne oder weniger Kraft und Beweglichkeit im Kiefer wegen seines Alters hat.
Was passiert:
Der zu große/zu grobe/zu wenig eingepeichelte Futterbrocken wird vom Zungenrücken durch den Kehlkopf in den Schlund gedrückt und von dort weiter durch den Muskelschlauch „Schlund“ bis in den Magen aktiv transportiert. Auf diesem Weg gibt es mehrere Positionen, wo er hängen bleiben kann. Erst einmal der Kehlkopf. Hier bleibt gerne mal zu wenig zerkleinertes Heu hängen und führt zu heftigen Hustenreizen. Oft löst es sich von alleine oder durch sanfte Manipulation des Kehlkopfes von außen. Dann die typische Position in der Mitte der linken Halsseite, wo die Speiseröhre neben der Luftröhre zu liegen kommt und man häufig eine Beule von außen wahrnimmt. Bei nicht harten Verstopfungsgründen kann man versuchen, hier etwas zu massieren. Als Nächstes kommt die Engstelle zwischen den Lungenflügeln am Herz vorbei. Bleibt hier ein großer Klumpen hängen, gerät das Tier in Todesangst. Die letzte Engstelle ist der steil einfallende Winkel der Speiseröhre durch die Magenöffnung (Cardia) in den Magen.
Sobald die zarte Schleimhaut des Schlundes gereizt wird durch etwas zu großes, nicht genügend gleitfähiges und vor allem übermäßig strapazierendes, reagiert die Muskulatur der Speiseröhre mit einem lokalen Krampf. Somit hängt jetzt der Brocken fest wie in einer Faust. Im Maul wird weiter fleißig Speichel produziert und abgeschluckt, um vielleicht doch noch eine Auflösung des Hindernisses zu ermöglichen. Da der Weg nach unten blockiert ist, fließt alles zurück über den Kehlkopf nach außen zu Maul und Nüstern. Dummerweise ist der Kehlkopf im Längsschnitt aufgebaut wie eine acht. Unten groß und immer weit geöffnet und durch Knorpelringe fixiert die Luftröhre. Und darüber eng geschlossen, aber dehnfähig, der Muskelschlauch Speiseröhre. Physiologisch wird bei der Futteraufnahme beim Abschlucken durch den breiten Zungenrücken der Kehldeckel auf die Luftröhre fest aufgedrückt und der Bissen in den Muskelschlauch gepresst. Somit gelingt eine saubere Trennung zwischen Speiseröhre und Luftröhre. Nun aber kommt im Falle einer Schlundverstopfung der Nahrungs-Speichelbrei aus der verkehrten Richtung, nämlich rückläufig. Wenn der Kopf des Pferdes nicht gesenkt gehalten wird, läuft somit der flüssige Inhalt der Speiseröhre ungehindert in die Luftröhre und kann dort zu schlimmen Entzündungen bis hin zu Nekrosen (Absterben und Verfaulen von Lungenanteilen durch Bakterien) führen.
Vorsorge:
- Quellfutter ordentlich vorquellen lassen
- Geeignetes Futter füttern (vor allem bei alten Pferden)
- Zahn-/Maulhöhlenprophylaxe
- Hektische Futteraufnahme vermeiden (Kraftfutter aufs Heu, große Steine mit in die Futterkrippe)
- Äpfel/Karotten nicht kleinschneiden
Ganz ehrlich: immer kann man es nicht verhindern. Ich hatte ein Shire Horse, das einen Kiefernzapfen einfach so im Ganzen geschluckt hatte. War echt schwierig, diesen weiter zu bugsieren, ohne den Schlund innen zu verletzen.
Aber es ist wirklich wichtig, es zumindest zu versuchen! Ein alter Haflinger hatte wöchentlich (!!!!) eine Verstopfung, weil die Besitzerin nicht aufhören wollte, ihrer armen Lissy die Möhrchen und Äpfel in mundgerechte Stücke zu zerschneiden. Das ist nicht wirklich amüsant für so ein Pferd. Wenn der Stau zu lange am Schlund festhängt, können dank der anwesenden Bakterien die Schleimhäute anfangen zu verfaulen und es zu einem tödlichen Durchbruch kommen, man kann mit der Sonde Verletzungen setzen,… .
Was tun, wenn es passiert ist:
- Tierarzt informieren
- Pferd, wenn möglich, langsam führen. Manchmal löst sich der Krampf, wenn sie abgelenkt werden
- Kopf auf jeden Fall tief halten
- Bei Husten eventuell sanft den Kehlkopf massieren
- Bei Schwellung an der linken Halsseite diese sanft massieren (außer es handelt sich um einen Kiefernzapfen)
- NICHT die Maulhöhle mit Wasser spülen!!! (Gefahr, Nahrungsbrei in die Lunge zu spülen!)
Nachsorge: Auch unbedingt, wenn sich die Verstopfung von alleine gelöst hat!!!!!
- Empfehlenswert ist es, den Tieren in den nächsten Tagen weiches und gut gleitfähiges Futter zu verabreichen, damit sich die geschundene Schleimhaut erholen kann
- Unbedingt wichtig ist es, zwei bis drei Tage die Körpertemperatur zu überprüfen wegen der Gefahr von Reflux des Speichelfutterbreies in die Lunge und somit einer Lungenentzündung
- Bei Atemproblemen, Husten oder Fieber muss sehr schnell gehandelt werden. Hier lohnt es sich definitiv, eher einmal zu viel den Tierarzt zu rufen!
Fazit:
Es ist nicht wirklich einfach und auch nicht ungefährlich für das Pferd (mal ganz abgesehen von der Angst der armen Kreatur) so einen verstopften Schlund wieder freizukriegen. Deswegen ist es umso unverzeihlicher, wenn es einfach aus Fahrlässigkeit und dann vielleicht noch wiederholt passiert.
Die Dankbarkeit der Tiere, sobald dieses herrliche glückselige Gluckern aus der Sonde tönt, ist herzerwärmend. Mein allerschlimmster Fall war ein Pony, an dem schon, in zwei Sitzungen verteilt, über acht Stunden ein Kollege versucht hatte, den Stau zu lösen, und dann den Besitzern etwas von einem Tumor direkt am Mageneingang und deswegen keine Heilchance erzählt hatte. Als ich die Sonde eingeführt hatte, überaus vorsichtig und voller Angst, dass ich irgendwo durch das mittlerweise arg gereizte und sicherlich aufgeweichte Gewebe stoße, kam mir aber sofort Nahrungsbrei entgegen. Also habe ich gespült, gesaugt, gespült, gesaugt, nochmal harte 45 Minuten gekämpft. Dann kam mit einem Mal kein Reflux mehr, die Sonde glitt ungehindert weiter und der Schreckmoment wurde durch das phantastische Gurgeln aus dem intakten Magen verwandelt in pure Freude. Das Pferdchen ist nach dem Entfernen der Sonde erst einmal hocherleichtert, nachdem es sich so richtig durchgeschüttelt hat, an die Tränke gegangen. Und hat noch einige Jahre weitergelebt.

