TIERWOHL versus GOT

Bild: (c) Tilla Hennig
„Mein Pferd lahmt, ich habe noch Schmerzmittel und brauche bitte nur Verbandsmaterial. Kann ich mir was Abholen? – Nein, ich bekomme das alleine hin und brauche keinen Tierarztbesuch oder eine Untersuchung!“
„Angussverband ist kein Problem, kenne ich mich aus. Eigentlich brauche ich nur etwas Schmerzmittel…“
„Eigentlich war es nur eine kleine Wunde, aber nun ist das Pferd sehr lahm und hat Fieber. Obwohl ich sofort einen Verband draufgemacht und Aspirin gefüttert habe!“
…
Seit Einführung der neuen GOT und noch mehr seit den zahlreichen Tipps von Dr. Google stoße ich immer öfter auf Pferdebesitzer, die verständlicherweise versuchen, ihre Tiere selbst zu therapieren. Oft mit Erfolg, aber leider auch immer wieder mit tragischen Resultaten. Wir Tierärzte sind keine Wunderheiler, kriegen tatsächlich nicht wieder alles hin und können auch mal was übersehen. Wir sind auch nur Menschen. Aber: wir sammeln Erfahrungen, jeden Tag aufs Neue. Wir sehen alles Mögliche und Unmögliche. Und wir tauschen unsere Erfahrungen untereinander aus, gehen auf Fortbildungen und spezialisieren uns, extra, um dem Patienten in bester Manie helfen zu können.
Ein Auto versuche ich auch nicht selbst zu reparieren. Mein Steuerberater kann mich mit Sicherheit besser beraten als ich mich selbst.
Wichtig ist die Zusammenarbeit zwischen Besitzer und Tierarzt, im besten Fall zwischen Besitzer, Tierarzt, Hufschmied, Chiropraktiker, Homöopath. Wir wollen alle das Beste für das Tier.
Pferde können nicht weinen.
Sie können nicht schreien. Sie haben viel weniger Möglichkeiten Schmerz und Leiden auszudrücken als wir Menschen. Man muss sensibel sein, um an ihrer Körpersprache zu erkennen, wie es ihnen tatsächlich geht. Wenn sie fliehen, schlagen, beißen, buckeln, dann ist das nicht immer eine Unart, aber ebenfalls auch nicht immer Schmerz. Und, ganz wichtig: nicht jeder Schmerz lässt sich durch den alleinigen Griff zum Schmerzmittel heilen.
Ich habe im Laufe meiner Tätigkeit viele Fehleinschätzungen der Besitzer erleben müssen.
Da war das obengenannte Pferd. Mit der anfangs kleinen Wunde an der Röhre. Die war entstanden durch Strangulation der Gliedmaße im Heunetz über Nacht. Weil die Haut ein bisschen aufgeplatzt war und es so viele Fliegen im Stall gab, beschloss man, genau diese Stelle, oberes Drittel der Röhre, mit einer kleinen Bandage abzudecken. Und, weil der kleine Verband an dieser Stelle einfach nicht halten wollte und immer abrutschte, wurde feste angezogen. Leider war die Wunde nicht einfach verschwunden nach drei Tagen. Das Bein wurde dick und warm, das Loch immer grösser und das Pferd immer lahmer. Da aber nun Wochenende war, gab man dem Pferd vorsichtshalber Aspirin, hochdosiert, weil es ja viel mehr wiegt als ein Mensch. Und nochmal ein bisschen Verband über dieses Loch. Um dann am Montag den Tierarzt zu konsultieren.
Letztendlich musste das Pferd euthanasiert werden. Das gesamte Bein war nekrotisch. Ich kann nicht sagen, ob wir Tierärzte es mit der Anfangsstrangulation hätten retten können. Aber wir hätten es vor Schmerzen und Leiden bewahren können.
Und dann war da das Tier mit dem Angussverband. Wegen einer kleinen Kruste und geringfügiger Schwellung. Der Verband war tadellos angelegt und richtig als Behandlungsmethode gewählt. Aber bei einem Fuchs. An seiner empfindlichen weißen Extremität. Drei Tage lang ohne Wechsel. Und: statt mit Rivanol oder verdünntem Jod wurde mit konzentriertem Jod gearbeitet, immer wieder nachgegossen, drei Tage lang ohne Verbandwechsel, bis das Pferd niemanden mehr in seine Nähe ließ.
Dieses Pferd wird mit Sicherheit nie seine Skepsis bei Behandlungen an diesem Bein verlieren. Die Verätzungen sind zum Glück gut abgeheilt.
Ja, und dann war da noch das Pferd mit dem Hufabszess. Erfahrene Pferdebesitzer, die gleich einmal selbst und ganz richtig einen nassen Hufverband gewickelt haben und dann gut Schmerzmittel dazugaben. Nach ein paar Tagen ist der Abszess auch zum Glück aufgegangen, allerdings am Kronsaum. Nun wurde kräftig mit konzentriertem Jod gespült und nur noch Saum und Fesselbeuge umwickelt. Als das Bein trotz Schmerzmittel immer dicker wurde, wurde der Tierarzt zu Rate gezogen. Die gesamte Fesselbeuge sowie der Kronsaum waren verätzt und es sind bleibende Narben zurückgeblieben.
Vielleicht hätte der Abszess durch die Sohle geleert werden können, zumindest hätte aber der Schmerz durch die Verätzungen vermieden werden können.
Es gäbe natürlich noch viel mehr Beispiele.
Aber das Wichtige ist:
- TIERWOHL!!!! Es ist zwingend tierfreundlich, dem Pferd unnötiges Leiden und Schmerz zu ersparen!!!!!!
- GOT! Es ist günstiger, lieber gleich anfangs den Tierarzt kommen zu lassen. Mit gesicherter Diagnose kann dann gerne selbst weiter behandelt werden mit hoffentlich viel harmloseren Verlauf. Oft kann man sich telefonisch rückversichern, ob alles so korrekt ist.
- Es ist sehr wichtig Erste-Hilfe-Kurse für Pferde zu besuchen und sein Wissen regelmäßig aufzupolieren. Hier profitiert man unter anderem von neuem Wissen in der Tiermedizin, lernt Verbände wirklich richtig und sinnvoll anzubringen, Krankheiten besser einschätzen zu können und im Notfall stimmig zu agieren. Und kann dadurch viel koordinierter das Tier weiterbehandeln.
Ganz ehrlich: Man muss nicht immer gleich alle Register ziehen. Nicht jede Lahmheit muss in die Röhre, nicht jede Kolik auf den Tisch. Deshalb ist es so wichtig, sein Pferd wirklich gut zu kennen. Je früher man Krankheiten oder Schmerzen erkennt, desto eher besteht die Chance alles wieder in den Griff zu kriegen.

