Nur noch eine Tetanusimpfung, Neukundin, dann endlich Feierabend.

(c) Tilla Hennig
Dachte ich. Allerdings erwartet mich ein sauer-gespritzter Kaltblutwallach mit hochgradiger Tierarztphobie – seiner Kraft und seines Gewichts durchaus bewusst. Und eine Besitzerin, die von den letzten Versuchen, dieses Tier zu spritzen, traumatisiert vorsichtshalber zwei starke Männer zum Helfen dazu bestellt hat. Im normalen Umgang wie auch beim Schmied, Reiten und Verladen ist ihr Pferd wohl eher sanftmütig. Doch heute steht er durchaus kampfbereit und angespannt am Putzplatz und beweist schon beim Näherkommen, dass er bereits einige Tricks gelernt hat, Unliebsames von sich fern zu halten. Sein Lieblingsmanöver scheint es zu sein, alles, was sich in der Nähe bewegt, entweder zu zertreten oder an der Wand zu zerquetschen. Ehrlich gesagt kommt nur die Besitzerin an seinen Kopf und der erste starke Helfer wird die nächsten Tage wohl seine Quetschungen auskurieren müssen. Das hat wenig Sinn es hier im engen Putzplatz weiter zu probieren. Bei dem Versuch, mich im lockeren Gespräch, während er bis zu den Augen in einem Futtereimer steckt, im geräumigeren Strohlager seinem Hals zu nähern, lande ich komprimiert und kurzzeitig etwas atemlos an/in einem zum Glück nachgiebigen Strohballen. Allerdings rechnet er nicht mit meiner Reaktionsschnelle. Und als er von mir ablässt, von seiner Besitzerin energisch weggezerrt, gelingt es mir blitzschnell, die zarte grüne Kanüle in seiner siegessicheren lockeren Muskulatur zu versenken und, völlig unbemerkt von ihm, endlich meine Arbeit zu beenden. In vier Wochen dann das gleiche Spiel? Bisher kam wohl kein Tierarzt ein zweites Mal.
Aber ich. Mit dem Auftrag, keine Helfer zu bestellen. Und vorher gemütlich zu reiten. Und dann bin ich auch noch viel zu früh da und beobachte sie auf dem Reitplatz: ein ganz anderes Pferd ist das, gemütlich, gut gelaunt, eher faul, tiefenentspannt. Selbst als sie die Reiter wechseln, weil noch eine Freundin drauf will, bleibt alles tiefengelassen. Und als ich frage, ob ich auch mal drauf darf, ist das ebenfalls kein Problem. Während ich mich ein bisschen herumführen lasse und ihn lobe und streichle und impfe bleibt er ruhig und holt sich nach dem Absteigen seine Karotte. Er hat es wieder nicht gemerkt.
Wir haben weiter geübt, mit Ablenkungsmanövern wie Hufe auskratzen, immer an Wohlfühlplätzen und mit gewohnten Personen dabei. Natürlich nicht jedes Mal gespritzt, aber ihn in den Hals gezwickt, eine Spritze an die Haut gedrückt und vor allem in regelmäßigen Abständen daran gearbeitet. Inzwischen kann man ihm Blut abnehmen und, besonders wichtig, Kolik behandeln. Das war auf jeden Fall der Aufwand wert.
Sowohl vom Verhalten als auch von der Anatomie her ist das Pferd optimal an ein Leben als Flucht- sowie Herdentier angepasst. Als Tierarzt erfordert das bei der Behandlung dieser hochsensiblen Tiere auch ein besonderes einfühlsames Herangehen und Vorwissen, viel Geduld und Zeit.
Wie oft werden wir damit konfrontiert, dass das Tier tierarztscheu ist, Angst vor Spritzen hat, nicht abgehört werden kann – und wie schwierig es sein kann, ein tierarztscheues Pferd zu behandeln, ohne zusätzlichen Stress zu erzeugen. Ganz verwunderlich ist das ja nicht. Meist kommen wir nur für einen kurzen Besuch, der oftmals mit Schmerzen verbunden ist. Wir sind unregelmäßige Eindringlinge in einen Wohlfühlbereich mit Routine. Bei Notfällen ist noch dazu der Pferdehalter, der bestenfalls die Leittierrolle übernimmt, aufgeregt und nervös und überträgt diesen Gemütszustand direkt auf das Tier. Und eine Spritze in einen angespannten Muskel ist nun mal viel schmerzhafter als in einen entspannten, lockeren.
Da stehen wir nun vor einem Tier, dessen erste Option Flucht ist bei jeglicher Gefahr und das seine Umgebung ständig auf potenzielle Gefahren abtastet. Mit einer weitaus besseren akustischen Wahrnehmung von sowohl leiseren als auch höheren Tönen als das menschliche Ohr und einer ganz anderen Auslegung von Geräuschen als wir (Plastikrascheln…Schlange?). Mit einer sehr frühen optischen Wahrnehmung von auch kleinsten Bewegungen und auffälligen Farben durch die seitlich angebrachten Augen. Einer Nase, die Ausdünstungen von Angst und Stress aus dem Schweiß sowie der Atmung filtern kann. Und einer enorm schnellen Reaktionsfähigkeit durch ein Herz, das in Sekundenschnelle seine Schlagzahl beinahe verzehnfachen kann. Dies alles verpackt in ein Muskel-/Sehnenpaket, welches gewichtmäßig normalerweise achtmal so hoch ist wie das des Reiters oder Halters.
Unser Vorteil ist der Aspekt Herdentier. Ein Pferd passt sich an und guckt ab. Vor allem, wenn es sich unsicher fühlt und das Glück hat, einen souveränen Partner zur Seite zu haben. Das kann ein erfahrenes Pferd oder ein Mensch mit guter Körpersprache sein, zu dem es Vertrauen hat. Das wichtigste Bedürfnis des Pferdes ist sein Sicherheitsbedürfnis. Sobald dieses durch Routine, Ruhe und Klarheit im Umgang befriedigt wird, besticht es zudem durch Neugierde und Lernbegierde. Deswegen ist es gut, wenn man in vertrauter Umgebung Neues probiert und/oder mit vertrauten Partnern in neue Umgebung vorstößt. Vertrauen sollte immer vor Leistung gehen, Rituale sind dabei ein sehr gutes Hilfsmittel. Und dank der Neugierde lohnt es sich auch immer Raum und Zeit zu lassen, um das Ziel dann nicht nur einmal, sondern wiederholbar zu erreichen.
Fazit: Für den Tierarzt sehr förderlich sind ruhige zielgerichtete Bewegungen, eine unhektische Körpersprache, vielleicht noch ein bisschen der Geruch nach Freude auf der Haut und ein paar nette Worte im Umgang mit Pferd und Besitzer.